Gut gemeint - schlecht gemacht!

PM zum Rahmenlehrplan 2016

[Potsdam, 23. März 2015]

Derzeit wird (erstmals für Brandenburg und Berlin gemeinsam) ein neuer Rahmenlehrplan für die Schulklassen 1 – 10 entwickelt. Der Landesverband AndersARTiG und sein Brandenburgweit tätiges Bildungs- und Aufklärungsprojekt „Schule unterm Regenbogen" begrüßen, daß insbesondere dem Thema Diversity im Entwurf eine hervorgehobene Bedeutung zukommen soll und in diesem Rahmen z.B. neue Perspektiven der Menschenrechtsbildung und Antidiskriminierungspädagogik auch in Hinsicht auf sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als Thema im Schulunterricht möglich werden.

Zugleich kritisieren wir, daß es bei der Thematisierung von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt sowohl in den fächerübergreifenden Themenkomplexen als auch stringent in allen Fachlehrplänen insgesamt jegliche Verbindlichkeit fehlt. So werden die Themen sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität als eines von vielen möglichen Beispielen für Vielfalt benannt. Meist läßt sich das Thema sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität allenfalls implizit ableiten oder kommt gar nicht vor. Dies trifft auf den Bereich der geschlechtlichen Identität in besonderem Maße zu. Damit überläßt es man es weiterhin der Lehrkraft, Eltern und Schulleitungen, inwieweit sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als Thema überhaupt im Schulunterricht vorkommt. Dies ist um so unverständlicher, da inzwischen als erwiesen gilt, daß die Thematisierung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt im Unterricht, einen positiven Einfluß sowohl auf die Einstellung der Schüler_innen zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt hat, als auch auf die Lebenssituation von LSBTIQ-Jugendlichen, die bislang oftmals von Ausgrenzung, Diskriminierung und Mobbing gekennzeichnet ist. Insbesondere in der 2011 und 2012 von der Humboldt-Universität durchgeführten Studie zur Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt an Berliner Schulen konnte gezeigt werden, daß Lehrkräfte maßgeblichen Einfluß auf die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt ihrer Schüler_innen haben. Vor diesem Hintergrund ist es aus unserer Sicht um so irritierender, daß der Rahmenlehrplanentwurf gerade hier mit Lücken und Halbheiten aufwartet, anstatt die Berücksichtigung sämtlicher Vielfaltsaspekte verbindlich für den gesamten Rahmenlehrplan festzuschreiben und somit die Perspektive von LSBTIQ-Schüler_innen zu berücksichtigen. Im Gegenteil werden die teils postulierten Ansprüche bezüglich der Gleichberechtigung der Geschlechter und des Umgangs mit gesellschaftlicher Vielfalt in Frage gestellt, wenn in vielen Passagen gefordert wird, daß wir alle bzw. die Schüler_innen noch duldsamer (sprich toleranter) mit unserer jeweiligen Unterschiedlichkeit umgehen müssen und sich damit jegliche Diskriminierung, Unsichtbarkeit oder Ausgrenzung auf Dauer von selbst erledigt. Anstatt Diskriminierung nur als Wissens- und Empathiedefizit mißzuverstehen, wäre an dieser Stelle gut daran getan, die Auswirkung gesellschaftlicher Machthierarchien, die auch und gerade im Bildungssystem wirksam werden und Ausschlüsse nicht nur gegen LSBTIQ-Jugendlichen re_produzieren, zu thematisieren.

Der Rahmenlehrplanentwurf ignoriert in seiner jetzigen Entwurfsfassung in vielen Punkten die reale Situation von LSBTIQ-Jugendlichen in der Schule und schreibt statt dessen für Brandenburg das Prinzip des „Mitgemeintseins" fort und für Berlin fällt er sogar hinter die bislang gültigen Ansätze zurück. Er steht damit im Widerspruch zum Schulgesetz des Landes Brandenburg und zum Koalitionsvertrag von SPD und der Partei DIE.LINKE, die sich 2014 darauf festgelegt haben, die „Aufklärungsarbeit zur Toleranz und zum Respekt gegenüber sexueller Vielfalt insbesondere in den Bildungseinrichtungen [zu unterstützen], um damit die Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuellen abzubauen und ihre Akzeptanz zu stärken." In dieser Hinsicht verbietet es sich, daß das Thema sexueller und geschlechtlicher Vielfalt im Schulunterricht lediglich als Option auftaucht.

Der Landesverband AndersARTiG sowie sein Bildungs- und Aufklärungsprojekt „Schule unterm Regenbogen" setzen sich dafür ein, daß sämtliche Dimensionen von Vielfalt stringent in allen Teilen des Rahmenlehrplans als verbindlich festgelegt und expliziert – nicht implizit - werden.

Weiterhin fordern wir, daß die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Aufklärungsprojekten, wie „Schule unterm Regenbogen" in Brandenburg oder z.B. queer@school in Berlin als Empfehlung in den Rahmenlehrplan aufgenommen werden.

Darüber hinaus fordern wir das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport auf, ausreichende finanzielle Mittel für die Lehrkräftefortbildung, sowie die Arbeit von außerschulischen Aufklärungsprojekten bereitzustellen.

In seiner jetzigen Fassung ist der Rahmenlehrplan gut gemeint, jedoch bezogen auf den Aspekt sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, unzureichend umgesetzt. Wir haben mit dem neuen für Brandenburg und Berlin gültigen Rahmenlehrplan die Chance, die Gleichberechtigung an Schulen und den Abbau von Diskriminierung entscheidend voranzutreiben. Wir sollten sie nutzen!

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